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Solidarität zeitgemäß definiert. Von Cebrail Terlemez
Freitag, den 20. Mai 2011 um 15:28 Uhr

Viele Partnerschaften haben anfänglich nur wenig echte Gemeinsamkeiten. Erst mit der Zeit entwickelt sich aus dem Ich- und Du-Gefühl ein Wir-Gefühl. Ein solches Wir-Gefühl braucht ein intensives gemeinsames Erleben und eine konsequente Weiterführung des Zusammenseins, wodurch die Qualität der Beziehung bestimmt wird. Unter diesen Voraussetzungen bleibt das Wir-Gefühl auch dann erhalten, wenn die beiden Partner einmal zeitweise getrennt leben oder Streitigkeiten auftreten. Dieses verlässliche Wir-Gefühl ist nicht statisch, es entsteht nicht irgendwann und bleibt dann für immer bestehen. Die Voraussetzung für die Erhaltung dieses Gefühls ist die tägliche Auseinandersetzung mit dem Partner und das Bemühen, die Partnerschaft zu intensivieren. Dieses Gefühl wird immer von beiden Seiten durch das, was sie in die Beziehung einbringen, genährt. Es braucht also eine Gegenseitigkeit. Da bei haben beide Seiten ein Spektrum von Gefühlen, die sie einbringen müssen. So z.B. Liebe, Achtung (bzw. Anerkennung) und Vertrauen darauf, dass der Partner einen mit all seinen Stärken und Schwächen voll akzeptiert und Verantwortungsgefühl besitzt. Ich bin sicher, dass aus einer solchen Gegenseitigkeit eine glückliche, dauerhafte und produktive Beziehung entstehen wird.

Doch hier und heute ist nicht die Partnerschaft zwischen zwei Menschen mein Thema, vielmehr möchte ich versuchen, aus dem Zwischenmenschlichen einen zwischengesellschaftlichen Analogieschluss herzuleiten. Denn ich bin überzeugt davon, dass die oben genannten Regeln auch für das gesellschaftliche Zusammenleben gelten. Wenn wir wollen, dass unsere Gesellschaft zusammenhält und ein Wir-Gefühl entsteht, dann kann dies nur geschehen, wenn auch der Wille zum Zusammenleben besteht. Natürlich stehen sich auch hier am Anfang verschiedene Interessen, Vorstellungen und Lebensweisen gegenüber, das „Ich“ und das „Du“, die erst mit dem gemeinsamen Erleben ein Wir-Gefühl entwickeln können. Es braucht eine beständige Beziehungsarbeit: Gemeinsame Projekte aufbauen, Gespräche führen, Begegnungen schaff en, Diskussionen durchführen, informieren usw. Nicht einmal oder zweimal, sondern ständig und konsequent. Es muss eine tägliche Auseinandersetzung mit dem „Du“ geben, dann wird man im mehr Gemeinsamkeiten entdecken oder auch neue bilden. Beide Seiten werden ihren Beitrag leisten. Beide Seiten werden für einander Gefühle entwickeln und damit ein produktives und zukunftsorientiertes Wir-Gefühl schaff en. Man wird nach Gemeinsamkeiten suchen und irgendwann werden diese schwerer wiegen als das Trennende. Aber man darf natürlich nicht per Dekret wie z.B. einer konstruierten Leitkultur, einem nationalen oder so gar europäischen Bewusstsein ein Wir Gefühl erzwingen. Das Wir-Bewusst sein, von dem ich hier schreibe, und das auch in der Praxis eine Chance hat, ist nämlich keine fixe Größe, sondern ein lebendiger Prozess, in dem das Wir Gefühl zu einer Selbstverständlichkeit gehören wird.

Wer eine Gruppe innerhalb der Gesellschaft als innenpolitische Gefahr betrachtet und propagiert, macht gesellschaftliche Solidarität fast unmöglich.

Die Schweiz, aber genauso Deutsch land oder Österreich, wird nicht gegen ihre Gesellschaftsteile und Minderheiten wachsen, sondern mit ihnen. Denn, wenn wir das „Du“ als anders und minder degradieren, dann können wir bei ihm nicht Begeisterung und Heimatgefühle für unser Land wecken und eine gemeinsame Identität stiften. Und das muss uns gelingen, damit unser Land nicht nur das Vater land derer ist, die als Deutsche (oder Schweizer, Österreicher) in Deutsch land (oder Schweiz, Österreich) geboren sind, sondern auch aller, die aufgrund freier Willensentscheidung nach Erfüllung bestimmter Voraussetzungen Deutsche (oder Schweizer, Österreicher) geworden sind. Eine der Voraussetzungen für den Erhalt der Staatsbürgerschaft in den genannten Ländern ist ein Bekenntnis zu den Werten, die sich im Grundgesetz dieser Länder niedergeschlagen haben. Es sind die demokratischen Werte, in deren Mittelpunkt die unveräusserlichen Menschenrechte und der Pluralismus stehen. Wenn es uns gelingt, dies zu schaff en, dann haben wir aus unserer Geschichte eine richtige und eine notwendige Lehre gezogen.

Das Gefühl für ein Gelingen eines solchen Prozesses heisst Solidarität. Solidarität wird oft auch als Zement charakterisiert, der eine Gesellschaft zusammenhält und zu einer Einheit macht. Solidarität ist ein im politischen Alltag gern und häufig gebrauchter Begriff . Man bezeichnet damit häufig das Bestehen einer wechselseitigen moralischen Verpflichtung zwischen Individuum und der Gemeinschaft der Menschen bzw. der Gesellschaftsteile untereinander. Der Philosoph Henri Bergson benutzt den Begriff in seiner Moralphilosophie im Zusammenhang mit „Sympathie“, „Menschenliebe“, „Wohlwollen“, „Gemeinsinn“, oder „Loyalität“. Im Kern geht es hierbei um die Idee eines wechselseitigen Zusammenhangs zwischen den Mitgliedern einer Gruppe von Menschen.

Als Bindemittel wird hier oft die gemeinsame Herkunft und Geschichte oder die gemeinsame Kultur und Lebensform genannt, aber eine vielleicht noch wichtigere Gemeinsamkeit wird meist vergessen. Unsere gemeinsame Zukunft. Ziele und Ideale für die kommenden Generationen. Denn in einer Welt, die sich globalisiert, kann man Solidarität nicht auf das Vergangene und schon bereits Vorhandene beschränken. Wir leben in einer Welt, die sich ständig ändert. Es darf nicht an einer gemeinsamen Vorstellung dessen, was gut und recht ist, fehlen und auch nicht an dem Gefühl, für eine gemeinsame Sache zu arbeiten. Die Zukunft der Erde ist durch die Globalisierung interkulturell geprägt. Deshalb braucht es auch eine neue Definition der Solidarität.

Man überlege nur, wie unterschiedlich das Wort Solidarität von Gewerkschaftern, Humanisten oder anderen ver wendet wird. Jede Verwendungsweise ruft eine eigene Reihe von Konnotationen hervor und weist auf ein eigenes Verständnis sozialer Beziehungen und ein eigenes Bild von sozialen Kooperationen hin. Aber keine ist der neu en interkulturellen Realität wirklich gewachsen. Das heisst, es muss eine zeitgemäße Definition der Solidarität geben. Diese neue Solidarität müsste natürlich eine inklusive Konnotation haben: Sie muss über die Grenzen des „uns“ hinweg gelten.

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass jede künftige Identität, die auf Ausgrenzung (z.B. auf Islamophobie oder Fremdenhass) beruht, zum Scheitern verurteilt ist. In der heutigen Welt muss sich jede zukunftsträchtige politische Legitimität auf Demokratie berufen und dies mit Zugehörigkeit und Partizipation befestigen. Wer eine Gruppe innerhalb der Gesellschaft als innenpolitische Gefahr betrachtet und propagiert, macht gesellschaftliche Solidarität fast unmöglich. Einbürgerungstests vernebeln die Sicht auf die zentralen Fragen: Wie kann unser Land als modernes Land zukunftstauglich gestaltet werden? Und zwar mit seinen neuen Bürgern und zukünftigen Verwandten. Wie können wir die so dringend nötige Solidarität untereinander bilden? Was passiert, wenn diese Solidarität ausbleibt?

Auf die letzte Frage möchte ich bereits die Antwort geben: Es gäbe Konflikt statt Kooperation. Isolation und Ausgrenzung statt Integration der Individuen in Institutionen, Organisationen oder Nachbarschaftsbeziehungen. Misstrauen statt Vertrau en, Selbstsucht statt Verantwortung, Hass statt Respekt, Anonymität statt menschlichem Miteinander...

Ich hoff e, dass dieses Szenario nicht Wirklichkeit wird, sondern es uns gelingt, die Zeichen der Zeit zu erkennen und eine zukunftsfähige solidarische Gemeinschaft zu entwickeln. Das funktioniert jedoch nur in einer von beiden Seiten respektierten und akzeptierten Partnerschaft und nicht in einer Zwangsehe.

 


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Institut für interkulturelle Zusammenarbeit und Dialog