Für eine Gemeinsame Zukunft


Institut In den Medien Nicht nur Kritik an "den Medien"
Nicht nur Kritik an "den Medien"
Mittwoch, den 04. Juli 2007 um 00:00 Uhr

Tagung der Plattform für kulturelle Kompetenz und Medienpraxis. Eine Nachbetrachtung von Malik Özkan, Bremen

(iz). Inmitten des nebligen und nasskalten ersten Samstags im Juni trafen sich im Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich professionelle Medienforscher und Journalisten, um über die Islamberichterstattung in den Medien - mit Schwerpunkt auf die Schweiz - zu debattieren. Jenseits des reinen Medienbashings, wie es manchmal von Seiten der Betroffenen - beileibe nicht nur der Muslime - geäußert wird, dachten die anwesenden Redner und Teilnehmer in Podien und Arbeitsgruppen über die Mechanismen der Islamberichterstattung nach.Im Vergleich mit ähnlichen Events in Deutschland herrschte in Zürich zwar eine lebhafte Debatte, die aber nicht von persönlichen Angriffen und Verdächtigungen geprägt war, wie wir sie hierzulande leider allzu gut kennen. Hier konnten sich beide Seiten - darunter auch Sulaiman Wilms, Chefredakteur der Islamischen Zeitung - begegnen, um über die Schwierigkeiten in der Berichterstattung über den Islam zu sprechen und nach Alternativen zu suchen.

Nach den obligatorischen Grußworten der Veranstalter und von Dr. Hisham Maizar, dem Vorsitzenden der Islamischen Dachorganisationen in der Schweiz, begann das hochkarätige Symposium mit dem ersten der beiden Podien. Unter Leitung des Medienwissenschaftlers Prof. Dr. Joachim Trebbe, Universität Fribourg, debattierten die Medien- beziehungsweise Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Horst Pöttker (Universität Dortmund) und Prof. Dr. Jo Groebel (Präsident des Deutschen Digital Instituts Berlin) mit dem Leiter des Berliner Büros der Tageszeitung "Zaman", Süleyman Bag, sowohl über die Probleme "interkultureller Kommunikation" als auch über den Alltag als muslimischer Medienschaffender.

Hier wurde ein problematischer Eckstein der Debatte deutlich, die auch im Laufe des Symposium nicht aufzulösen war. Denn, bei dieser Sichtweise (der Islam als "Kultur"), müssen die Muslime auch bei einer freundlichsten Betrachtungsweise als "fremde Kulturträger" im Vergleich mit der unseren wirken. Allein schon die Fragestellung verstellt nach Ansicht von Sulaiman Wilms den Blick auf die Möglichkeit, dass der Islam eben nicht im Widerspruch mit Europa steht, sondern beides gleichzeitig denkbar sein kann.Prof. Pöttker konzentrierte sich in seinem Referat auf dem ersten Podium (Interkulturelle Kommunikation und Medienpraxis) vor allem auf den Fall der so genannten Karikaturen einer dänischen Tageszeitung und der weltweiten Reaktionen und äußerte in diesem Kontext Kritik an den deutschen und schweizer Presseräten.

Während Prof. Pöttkers Beitrag vor allem auf der aktuellen Oberfläche blieb, beschrieb Prof. Groebel, der selber jahrelang im Ausland arbeitete, die Grundlagen und vor allem Schwierigkeiten in der so genannten "interkulturellen Kommunikation". In zehn Punkten behandelte er mehrere Dilemmata in der Kommunikation zwischen "Ost und West".

Bemerkenswert in Groebels Aufzählung sind mehrere Punkte. So erinnerte der Kommunikationswissenschaftler daran, dass es in unterschiedlichen "Kulturen" unterschiedliche Perspektiven gäbe. Während im Westen der physische Angriff das undenkbarste darstelle, sei es - so eine weltweite Erhebung unter Kindern - in anderen Teilen der Welt die Verletzung der persönlichen "Ehre". Ebenso sei es problematisch, wenn - wie es vielfach in Medien der Fall sei - die Grenze zwischen Meinung und Nachricht verschwimme oder gar aufgehoben werde. Gleichzeitig erinnerte der Redner auch die Muslime daran, dass es insbesondere bei Medien eine Nachfrageökonomie gebe. In kritischen Zeiten wachse die Nachfrage nach grelleren, negativeren Beiträgen, die die Medien bedienen müssten. Was eine bemüht positive Berichterstattung betreffe, müssten Meinungsmacher mit der so genannten Reaktanz rechnen, bei der die Rezipienten auf bewusst positive Beiträge mit gezieltem Widerstand reagierten. Generell gelte, dass schlechte Nachrichten immer "gute" Nachrichten seien.

Auf dem zweiten Podium (Islam in den Schweizer Medien seit dem 11. September - Eine kritische Analyse) stellten der Schweizer Medienwissenschaftler Prof. Dr. Heinz Bonfadelli (Universität Zürich), Dr. Sabine Schiffer (Institut für Medienverantwortung, Erlangen) und Dr. Taner Hatipoglu (Vorsitzender der Islamischen Organisationen des Kantons Zürich VIOZ) quantitative beziehungsweise qualitative Erhebungen über die Darstellung des Islam in schweizerischen beziehungsweise deutschen Medien vor.

In einer Vorstellung seiner Studie, die Bonfadelli mit Mitarbeitern angefertigt hatte, kommt er für drei aussagekräftige schweizerische Medien zu dem Schluss, dass die Islamberichterstattung in Vielem den "typischen Mustern der Routineberichterstattung: Ereignisorientierung und Dominanz von Aktualität, Überraschung, Konflikt, Negativität und Schaden" entspreche. Auch wenn der Islam und die Muslime kein prominentes Medienthema seien, so habe der 11. September die Medienberichterstattung doch deutlich intensiviert. Thematisch erscheine der Islam vor allem in drei Themensträngen: Religion - Politik - Krieg/Gewalt/Extremismus. Die Islamberichterstattung sei in Folge von Krieg und Terrorismus durch das Konflikt-Frame und Schuldzuweisungen geprägt. 45 Prozent der schweizerischen Artikel seien neutral und 12 Prozent positiv in der Wertung, 22 Prozent negativ und 21 negativ-neutral.Ebenfalls quantitativ ging Dr. Hatipoglu vor, der zwei Studien - eine schweizerische und eine deutsche - vorstellte, die entgegen der Erkenntnisse von Bonfadelli zu dem Ergebnis kamen, dass die Berichterstattung über den Islam mehrheitlich negativ sei.

In ihrem sehr informativen Beitrag stellte Frau Dr. Schiffer vom Erlanger Institut für Medienverantwortung ihre qualitative Sichtweise auf die Islamberichterstattung in deutschen Medien vor. In der medialen Welt nach dem 11. September 2001 hätte es eine Änderung der Frequenz und des Explizitheitsgrads gegeben, aber nicht in der Qualität der genannten Fakten und verknüpften Themen. Symbolinduktion und Sinn-Induktion erhöhen laut Schiffer das Suggestionspotenzial in der Islamberichterstattung. So führe die negative Ikonografie zu einer zunehmenden Gleichsetzung von Islam und "Islamismus". Ein Beispiel dafür sei die Verbindung von blutigen Bildern und religiöser Normalität wie dem Gebet oder den Moscheen. Anhand von Frontcovern bekannter deutscher Magazine konnte Schiffer ihre These belegen. Als Vorschlag zur Veränderung schlug sie eine Ergänzung des Artikels 12.1 des Deutschen Presserats vor, um die Sinn-Induktion durch Bilder besser zu regeln.

Als Hauptvehikel der - bewussten oder unbewussten - Beeinflussung in der Islamberichterstattung stehe für sie das so genannte "Framing". Das hier wichtige "Framing" beinhaltete die Aussage, dass der Islam das Problem sei. Dies äußere sich sowohl in einer umgedeuteten Symbolik und in einer medialen Thematik, die an sich suggeriere, wonach eine Meldung relevant sei. Das Problem des "Framings" stelle sich sowohl im Negativen wie im Positiven, denn das "Framing" verändere den Bedeutungszusammenhangs des jeweiligen Themas. Auch die Verneinung, wonach etwas kein Problem darstelle, erinnert an den eigentlich negativen Inhalt des "Framings". Chancen für eine Veränderung der Berichterstattung sieht die Erlangerin sowohl in den klassischen Printmedien als auch in einer vielfältigeren Unterhaltungsindustrie, in der Angehörige von Minderheiten - wie beispielsweise die Muslime - als normal dargestellt werden.

Eine der Kerneinsichten der beiden Panels war das Wissen um die strukturelle Bedingtheit zeitgenössischer Medien - insbesondere der herkömmlichen kommerziellen Medien. Klar wurde aber auch, dass die Medien und ihre Akteure immer auch in ihrem gesellschaftlichen Bedeutungszusammenhang zu verstehen seien, weil Medien nicht nur im luftleeren Raum stattfänden, sondern auch einen gesellschaftlichen Bezug hätten. Gleichzeitig erinnerten gerade auch die muslimischen Redner beider Podien daran, dass es de facto zwei Diskurse über den Islam und die Muslime gibt: einen medialen und einen alltäglichen des Umgangs mit Muslimen.

In drei Arbeitsgruppen, deren Ergebnisse auch später vorgestellt wurden und als Ausgangspunkte für weiteres Vorgehen dienen sollen, wurden einzelne Aspekte der vorher nur angerissenen Themen diskutiert. In der Arbeitsgruppe "Muslime als Akteure der Mediengesellschaft - Neue Initiativen und Perspektiven" stellte Sulaiman Wilms das Redaktionsteam und die Inhalte der Islamischen Zeitung vor. Anders als bei vergleichbaren Veranstaltungen hierzulande war hier das gegenseitige Interesse und die inhaltliche Kritik bestimmend und nicht die persönliche Schuldzuweisung. In ihrer Vorstellung konnte die IZ, trotz ihrer vergleichsweisen geringen Ressourcendichte, nicht nur durch ihre Inhalte überzeugen, sondern auch durch ihre intellektuelle Gestaltung.

Für die Muslime in Deutschland, aber auch sicherlich in Europa, gilt, dass solch eine Veranstaltung - bei allem akademischen Gehalt - wichtig ist, um die Funktionsweise von Medien zu verstehen. Nur eine Kenntnis um die strukturelle Mechanismen der Berichterstattung hilft, diese zu verstehen und einordnen zu können. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass eine reine Polarität hier nicht weiterhilft. So sehr man manches im Rahmen der Mainstreammedien und ihrer Islamberichterstattung kritisieren mag, so sehr müssen gerade die aktiven Muslime eingestehen, dass es bei vielen Verbänden, Moscheen und Initiativen an einer sinnvollen und nachhaltigen Öffentlichkeitsarbeit mangelt. Gerade auch hier gilt es, eine entsprechende Medienkompetenz zu entwickeln.

Auf längere Sicht soll die veranstaltende Plattform für interkulturelle Kommunikation und Medienpraxis, die eine Kooperation von vier Institutionen ist, eine regelmäßig stattfindende Einrichtung werden.  

 

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