| Wenn Glauben den Hunger stillt |
| Freitag, den 10. September 2010 um 09:34 Uhr |
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Im Fastenmonat Rama-dan war die Familie von Hasan Irmak in Ittigen beim Nachtessen nie un-ter sich. Sie war zu Gast oder hatte selber Gäste. Einmal lud sie auch Christen ein – um falsche Vorstellungen zu korrigieren. Es ist 20 Uhr. Im Wohnzimmer der Familie Hasan Irmak in Itti-gen wartet ein üppig gedeckter Tisch. Doch noch ist nicht Zeit zum Essen. Noch erzählt der Hausherr seinen Gästen in der Sofaecke vom älteren Sohn, der in den Ferien weilt. Anwesend ist nur der Jüngere, der 18-jährige Yasin. Auch dessen Tante Fatma Okhan und ihre Enkelin Dilay sitzen dabei. Die Türkinnen sind zu Besuch und verstehen kaum, was gesprochen wird. Denn an diesem Abend spricht man Deutsch im Hause Irmak. Die pensionierte Gymnasiallehrerin Maria Kopp und ihr Partner, der ehemalige Zahnarzt Christoph Beyeler, sind zu Besuch. Sie nehmen teil am Fastenbrechen-Projekt der christlichen Landeskirchen (siehe Kasten), um mehr zu erfahren über den Ramadan und den Glauben der Muslime. Elektronischer Betruf Etwa um 20.10 Uhr ertönt auf einmal ein Betruf. Auf einem Möbel an der Wand steht eine Art Radiowecker, der genau berechnet, wann in Bern die Sonne untergeht und es Zeit ist, das Fasten, das bei Sonnenaufgang begonnen hat, zu brechen. Inci Irmak, die Frau des Hauses, bittet zu Tisch. Sie bittet, Platz zu nehmen – auf Stühlen, nicht am Boden –, wo es beliebt. Sitzordnung existiert keine. Während die Gäste die reiche Auswahl an türkischen Kaltspei-sen bewundern, wird Linsensuppe aufgetragen. «Wir brechen das Fasten mit einer Dattel oder mit Wasser», erklärt Hasan Irmak, um sogleich anzufügen, dass das aber keine Pflicht sei. Andächtig löffelt die Runde ihre Suppe. «Haben Sie Fragen?», bricht der Hausherr das Schweigen. Sprechen während des Essens ist also erlaubt. Mehr als eine Nulldiät Die Gäste erfahren, dass Yasin, der künftige Medizinstudent, seit der Pubertät mitfastet. Und dass der Vater – «ich komme sonst nicht lange ohne Essen aus» – im Ramadan nie Hunger hat. – «Weil ich für den Glauben faste», sagt er. Seine Frau betont: «Fasten ist keine Nulldiät. Es bedeutet, dass man bewusster lebt, sich möglichst nicht ärgert und sich Zeit nimmt für all die Leute, die man sonst im Alltag verpasst.» Wer während des Ramadan nicht jeden Abend Gäste bewirte oder zu Gast sei, «ist einsam», sagt Hasan Irmak. «Ihn möchte ich kennen lernen und nicht einsam lassen.» Nach dem 11. September Freundschaften und eine gute Nachbarschaft seien wichtig im Islam, betont er, der seit 22 Jahren in der Schweiz lebt und hier ein Computergeschäft aufgebaut hat. Nie habe er mit Fremdenhass zu kämpfen gehabt. Doch mit dem 11. September 2001 «ist alles anders geworden». Inci Irmak, die als Buchhalterin und Übersetzerin arbeitet, nennt ein Beispiel. Sie habe mit ihrer Mutter, die ein Kopftuch trug, im Vorzimmer eines Arztes gewartet. Da habe ihr eine Schweizerin, die gerade über eine Kopftuchdebatte gelesen hatte, hasserfüllt die Zeitung auf den Schoss geknallt. Viele Irrtümer «Wenn ich alles glauben würde, was in den Medien über den Islam verbreitet wird, würde ich auch so denken wie die Schwei-zer», sagt ihr Mann. Aber der Koran toleriere weder Zwangsheirat, Frauenbeschneidung noch Selbstmordattentate. Auch die Burka, die nichts weiter sei als eine afghanische Tracht, habe mit dem Islam nichts zu tun, fügt Inci Irmak an. Sie trägt kein Kopftuch. Damit begehe sie eine Sünde, sagt sie. «Irgendwann werde ich dafür geradestehen müssen. Denn ich habe keinen Jesus, der meine Schuld bezahlt hat.» Hasan Irmak mischt sich nicht ein: «Wenn sie ein Kopftuch tragen würde, müsste es sie es wegen Allah machen, nicht wegen mir.» «Wo sind die Bösen?» Yasin Irmak erzählt, was er von Schweizer Kollegen immer wie-der höre: «Normalerweise sind Türken ja nicht so. Aber ihr seid nett.» Der Vater lacht: «Ich weiss einfach nicht, wo die Bösen sind.» Einem Moslem sei es nicht erlaubt, ein Unrecht zu begehen. «Aber wir dürfen auch kein Unrecht zulassen.» Zuweilen komme es ihr vor, sagt seine Frau, «als wolle man uns angreifen, bis wir uns wehren». Maria Kopp, die als freiwillige Mitarbeiterin für die kirchliche Fachstelle Migration arbeitet, nickt mitfühlend. Ob all der Köstlichkeiten, die sie serviert bekommt, stellt sich ihr nur die Frage, womit sie sich bei der Das Projekt Kennen lernen beim Essen Zum zweiten Mal hat die Fachstelle Migration der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn gemeinsam mit der römisch-katholischen Fachstelle «Kirche im Dialog» und dem Institut für interkulturelle Zusammenarbeit und Dialog das Fastenbrechenprojekt durchgeführt: Interessierte konnten sich melden, während des Fastenmonats Ramadan das Fastenbrechen, das Nachtessen nach Sonnenuntergang, mit einer muslimischen Gastfamilie zu teilen. Ziel war es, falsche Vorstellungen zu korrigieren. Nur 15 Personen haben von der Möglichkeit Gebrauch gemacht. Dieses Jahr dauerte der Ramadan, der sich nach dem Mondkalender richtet, vom 11. August bis 10. September. Hasan Irmak erklärt seinen christlichen Gästen Maria Kopp und Christoph Beyeler, warum er während des FastenmonatsRamadan nie von Hunger geplagt wird: «Weil ich für den Glauben faste.» |
Vorurteile"Es ist schwieriger ein Vorurteil, als ein Atom zu zerstören." Albert Einstein |
Minderheiten"Jede Zivilisation ist daran zu messen, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht." Mahatma Gandhi |
Krieg und Frieden"Der Krieg ist gewonnen – aber nicht der Friede." Albert Einstein |