Für eine Gemeinsame Zukunft


Institut In den Medien Minarettverbot
Minarettverbot
Montag, den 07. Dezember 2009 um 14:34 Uhr

 BazAynur Akalin will mit Information und Kontakten Vorurteile abbauen

Gemeinsames Gespräch über Minarett-Verbot abgesagt

NETZWERK. Akalinist Vorstandsmitglied des Dialog-Instituts in Zürich, einer Institution des weltweit tätigen Netzwerks des türkischen islamischen Predigers Fethullah Gülen. Er verbreitet diskret und erfolgreich seine Auffassung eines gemässigten, konservativen Islam. Die Bewegung führt weltweit Schulen – in Basel das Bildungszentrum «Elite» für Nachhilfestunden. Gülen ruft seine Anhänger auf, sich über Bildung und Aufstieg als traditionelle Muslime in der westlichen Gesellschaft zu integrieren; er propagiert den Dialog mit anderen Kulturen und Religionen aus einer Position der selbstbewussten Stärke. Gülen sieht keinen Konflikt zwischen Moderne und Islam und verneint Reformbedarf. Saïda Keller-Messahli hingegen hält gewisse Koran-Suren für inakzeptabel und kämpft mit dem Forum für einen fortschrittlichen Islam für eine tiefgreifende Reform dieser Religion.te

«Wir brauchen mehr Dialog»

Aynur Akalinwill mit Information und Kontakten Vorurteile abbauen

INTERVIEW: TIMM EUGSTER

Die neue Vertreterin der islamischen Dachverbände im Rat der Religionen erklärt sich das Ja zur Minarett-Initiative mit mangelndem Wissen und Desinteresse am Dialog. Sie warnt vor zu starkem Anpassungsdruck.


BaZ: Frau Akalin, wie fühlen Sie sich in der Woche nach dieser Abstimmung?
Aynur Akalin: Das Ergebnis hat mich sehr überrascht. Wir müssen jetzt sehen, wie wir das Beste daraus machen.

Hat es Sie nicht auch betrübt?
Ja, aber weniger wegen des Minarett-Verbots als wegen des Imageverlustes für die Schweiz. Wir sind ja alle Bürger dieses Landes. Viele Frauen haben Ja gestimmt, weil sie ein Zeichen setzen wollten gegen Frauenunterdrückung im Islam. Sie hätten sich besser informieren sollen. Diese Unterdrückung findet in Afghanistan oder Iran statt, was auch mich sehr betrübt – aber nicht in der Schweiz: Wo haben wir hier Auspeitschungen oder gar Steinigungen von Frauen? Man kann doch keine Religion für etwas verantwortlich machen, was Menschen in ihrer kulturellen Tradition oder eigenen Rechtsauslegung daraus machen. Mit islamischer Religion hat das gar nichts zu tun.

Aber es gibt Widersprüche zwischen dem Koran aus dem 7. Jahrhundert und unseren demokratischen Grundsätzen und Menschenrechten.

Nein, es liegt kein Widerspruch vor. Es gibt verschiedene Auslegungsmöglichkeiten, mit denen sich Konflikte lösen lassen. Eine Reform ist nicht nötig. Ein Beispiel: Der Koran ist in einer Zeit offenbart worden, als man Mädchen lebendig begraben hat. Da hat Gott zum Schutz der Mädchen Verse offenbart, damit dieser Missstand aufhört, aber in einem Wortlaut, dass es die Menschen damals verstanden. Eine Sure heisst: «Und wenn das lebendig begrabene Mädchen gefragt wird: ‹Für welch ein Verbrechen wurdest du getötet?›» Man soll das so verstehen: Tötet keinen Menschen, und Frauen sind genauso wertvoll wie Männer. Das Mädchen bekommt so die Möglichkeit, selbst Anklage gegen seine Mörder zu erheben. Es ist kein «Objekt» mehr, mit dem man damals machen konnte, was man(n) wollte, sondern ein vollwertiges Rechtssubjekt.

Was nun nach dem Ja zum Minarett-Verbot?Viele befürchten, die Muslime würden sich in die Isolation zurückziehen.

Das werden sie nicht. Es gab seit je viele offene Türen, die nicht wahrgenommen wurden. Es ist kein guter Stil, Muslime zu ignorieren und sie dann für alles Mögliche zu beschuldigen. Die Muslime suchen den Dialog, aber viele Institutionen und Gemeinden hatten nach meiner eigenen Erfahrung bisher keine Zeit oder Personalmangel oder einen anderen Grund für eine Absage. Jetzt müssen die Muslime ihre Türen noch weiter öffnen, der Dialog muss intensiviert werden, aber auch die Nicht-Muslime müssen diesen Schritt machen. Auch Nachbarn sollten nun aufeinander zugehen und einander zum Kaffee einladen.

 

Was tun Sie persönlich?
Beim Dialog-Institut in Zürich, wo ich Vorstandsmitglied bin, organisieren wir viele Begegnungsanlässe, wo alles gefragt werden kann. Wir führen auch interreligiöse Dialoge.
Sie sind die erste muslimische Frau im Rat der Religionen. Welche spezifische Sicht möchten Sie eingeben?
Erstens sieht man an meinem Beispiel, dass die Frau im Islam nicht unterdrückt ist. Ich sage immer: Wenn man von negativen Einzelfällen ausgeht und diese verallgemeinert, kann man meinen Fall auch verallgemeinern. Ich will aufzeigen, dass die muslimischen Gemeinschaften die Stimmen der Frauen stärker einbringen wollen. Vertreten möchte ich die Interessen der Familien, der Jugendlichen, der Kinder und der Frauen.

 

Wo sehen Sie hier Handlungsbedarf?
Die Situation der muslimischen Kinder nach dieser Abstimmung gibt mir zu denken. Meine Töchter sind neun und zwölf Jahre alt. Sie sind besorgt und traurig, sie können die Ereignisse nicht verstehen und es befremdet sie, dass sie in ihrem eigenen Land wegen ihrer Religion entfremdet werden.

Tragen Ihre Töchter das Kopftuch?
Nein, und sie werden sich selbst dafür oder dagegen entscheiden müssen – ich werde sie nicht fragen. Ich habe mich erst mit 31 dafür entschieden.
Das ist kein einfacher Entscheid: Die Eltern wünschen sich, dass die Tochter ihrem religiösen Beispiel folgt, die Gesellschaft übt Druck aus, sich auch äusserlich anzupassen.
Es ist wichtig, dass Kinder trotz des wachsenden Assimilationsdrucks eine starke eigene Persönlichkeit entwickeln können. Wenn man aus Angst vor negativen Reaktionen eine religiöse Identität ablegt, die man eigentlich annehmen möchte, führt dies zu einer schwachen, leicht beeinflussbaren, für Extremismus anfälligen Persönlichkeit. Davor habe ich Angst. Der deutsche Kabarettist Hagen Rether sagt: «Oft sind es die jungen Frauen mit Kopftuch, die viel besser Deutsch können und viel besser integriert sind als ihre vollkommen überassimilierten Bauchnabel-gepiercten Arschgeweihschwestern.»

Wofür steht Ihr Kopftuch?
Für meinen freien Willen, meine Religion so auszuüben, wie ich sie verstehe. Und für ein Land, das Religionsfreiheit ermöglicht. Das Kopftuch darf von niemandem für politische Zwecke benutzt werden, weder von Fundamentalisten, die es mit Zwang durchsetzen möchten, noch von rechtsgerichteten Strömungen, die es mit Zwang beseitigen wollen.

Wie reagieren die Leute auf Sie?
Es wird mir angehaftet, dass ich nicht integriert sei, kein Deutsch könne, völlig ungebildet sei, unterdrückt – und eigentlich gar kein Mensch, sondern ein Ding. Gerade gestern hat mich ein Mann umgerempelt und überrannt. Er hat sich weder umgedreht noch entschuldigt. So sehe ich, dass ich als Objekt wahrgenommen werde, nicht als Mensch mit Herz und Verstand. Wir muslimischen Frauen sind auch immer wieder verbalen Attacken ausgesetzt. Wer ist da jetzt im 7. Jahrhundert stecken geblieben?!

Was halten Sie von der Forderung, das Kopftuch für Frauen in öffentlichen Funktionen zu verbieten?
Nicht viel. Diese Frauen könnten ihren Beruf nicht mehr ausüben – und würden dorthin verstossen, wo die Extremisten sie haben möchten.

Soll man die Burka verbieten?
Das lohnt sich nicht für die wenigen Frauen in der Schweiz, die die Burka tragen. Ich habe noch nie eine gesehen – ausser auf Abstimmungsplakaten.

Sollen Schuldispensen ganz unterbunden werden, wie es jetzt gefordert wird?
Schwimmdispensgesuche werden in Zürich mehrheitlich von nicht-muslimischen Familien gestellt. Meine Töchter gehen in den Schwimmunterricht und ins Schullager. Wichtig ist ein gutes Verhältnis zwischen Eltern und Lehrer, damit muslimische Eltern Vertrauen haben, dass es ihren Kindern gut geht. Wenn sich nun ein Kind aus religiösen Gründen rigoros dagegen wehrt, ins Schwimmen zu gehen und seine Psyche leiden könnte, was soll man dann machen? Ich weiss keine Antwort.

Was ist Ihre Motivation, sich für den Dialog einzusetzen?
Dialog ist für mich eine Bürgerpflicht. Und ich liebe es, mit Menschen zusammen zu sein. Durch meine Arbeit bin ich auch ein Vorbild für meine Töchter, dass sie sich in der Bildung vorantreiben sollen und später nicht nur zu Hause den Herd hüten.

Aynur Akalin(40)RELIGIONSPÄDAGOGIN.

Aynur Akalinwurde in der Türkei als Tochter liberaler Eltern geboren, kam als Vierjährige nach Deutschland und mit 24 in die Schweiz. Sie besuchte eine katholische Grundschule, studierte Rechtswissenschaften und liess sich im Institut für interreligiöse Pädagogik und Didaktik zur Religionspädagogin ausbilden. Sie ist Vorstandsmitglied beim Dialog-Institut in Zürich, wo sie mit ihrem Mann und den beiden Töchtern lebt.

 

Hindernisse

"Die Hindernisse für den Frieden befinden sich in den Köpfen und Herzen der Menschen"

Norman Angell

Gleichgültigkeit

"Die Gleichgültigkeit gegenüber dem anderen ist Anfang allem übels."

Erika Weinzierl

 

Krieg und Frieden

"Der Krieg ist gewonnen – aber nicht der Friede."

Albert Einstein

anmeldeformular

Newsletter

Anrede
Erhalten
captcha

Institut für interkulturelle Zusammenarbeit und Dialog