| Es gibt auch gebildete Frauen mit Kopftuch |
| Mittwoch, den 02. Juli 2008 um 13:49 Uhr |
|
von ginger hebel
Tagblatt der Stadt Zürich: Frau Ickin, von muslimischen Frauen erwartet man nicht unbedingt, dass sie sich in einem Verein engagieren. Asiye Ickin: Im Mittelpunkt der Diskussionen über den Islam steht oft die unterdrückte und ungebildete muslimische Frau. Zwangsehe und Kopftuch werden als Bestandteil der Religion betrachtet. Doch das widerspiegelt nicht den Islam. Viele, die hier leben, haben studiert und bewirken etwas. In unserem Verein organisieren wir Ramadan-Essen und Lesezirkel, wo wir uns mit der türkischen und der deutschen Literatur beschäftigen. Sie haben in der Türkei Landschaftsarchitektur studiert. War es für Sie als Frau schwierig, einen Beruf zu erlernen? Ickin: Nein, ich wurde sehr liberal erzogen. Ich bin hier in der Schweiz aufgewachsen. Als mein Vater pensioniert wurde, gingen wir zurück in die Türkei, damals war ich 14. Ich habe immer gerne gezeichnet und gestaltet, also habe ich Landschaftsarchitektur studiert. Leider ist das Diplom in der Schweiz nicht anerkannt. Erlebten Sie einen Kulturschock, als Sie erst als Teenager Ihr Heimatland kennen lernten? Ickin: Es war gewöhnungsbedürftig. Wir haben unsere Ferien immer in der Türkei verbracht; ich wusste also, wie es dort aussah. Mit 25 Jahren lernte ich meinen türkischen Mann kennen, aber er arbeitete als Maler in der Schweiz. Für mich war klar, dass ich dort mit ihm eine Familie gründen wollte. Für die Familie haben Sie Ihren Beruf aufgegeben. In der Schweiz versuchen die Frauen oft, alles unter einen Hut zu bringen. Ickin: Das verurteile ich nicht. Aber ich habe als Kind stark darunter gelitten, dass meine Mutter berufstätig war. Sie arbeitete als Weberin in einer Fabrik, und wenn sie nachts nach Hause kam, war sie todmüde. Wir hatten nicht viel Zeit füreinander. Bei meinen Kindern wollte ich es anders machen und entschied mich gegen eine Karriere. Hätte es Ihr Mann überhaupt zugelassen, dass Sie arbeiten? Ickin: Ja. Sicher gibt es viele muslimische Frauen, die zu Hause unterdrückt und geschlagen werden. Doch das ist nicht die Regel. Ich möchte den Frauen meines Landes Mut machen, für ihre Wünsche und Bedürfnisse einzustehen und selbstbewusst zu sein. Was bedeutet Ihnen Tradition? Ickin: Zu unserem Leben gehören das Ramadan-Fasten sowie die rituellen Gebete. Mein Mann und ich beten fünfmal am Tag und richten uns dabei nach dem Sonnenstand. Das gilt noch nicht für unsere beiden Kinder; der Islam verlangt dies erst mit der Pubertät. Wie stark prägt Schweizerisches Ihr Leben? Ickin: Wir haben uns hier integriert, kochen oft schweizerisch. Ich liebe Geschnetzeltes mit Rösti. Nur den Reis bereiten wir nach türkischer Art mit Gewürzen und Gemüse zu. Für mich ist die Türkei gar nicht so anders als die Schweiz, deshalb vermischen wir vieles. Mein Mann besitzt einen Kebab-Stand. Die Schweizer mögen Kebab, für uns Türken ist das Fastfood. Wie erziehen Sie Ihre beiden Töchter? Ickin: Wir erziehen sie zweisprachig und bringen ihnen den Islam nahe. Wir haben auch schweizerischeErziehungskurse besucht. Denn wir wollen eine moderne türkische Familie sein.Obwohl Sie modern leben, tragen Sie ein Kopftuch. Ickin: Meine Mutter ist die Einzige, die in meiner Familie ein Kopftuch trägt. Ich habe lange keines getragen. Mit 28 fing ich an, zu beten und Kleider zu tragen, die den ganzen Körper abdecken. Ich verspürte plötzlich einen inneren Drang. Mit 30 reifte der Wunsch in mir, ein Kopftuch zu tragen. Verlangt hat das niemand - auch mein Mann nicht. Doch ich fühle mich Gott so viel näher. Ihre Freunde und Nachbarn kennen Sie aber alle ohne Kopftuch. Ickin: Das ist richtig. Ich musste mich anfangs rechtfertigen, doch die meisten respektieren meinen Wunsch und bewundern mich für meine Stärke. Manchmal stören die Blicke auf der Strasse. Und die Leute im Supermarkt wundern sich, warum ich auf Schweizerdeutsch antworte. Viele haben das Klischee im Kopf, wer ein Kopftuch trägt, ist unterdrückt und ungebildet. Sie leben in Affoltern in einem grossen Wohnblock. Ist das für Sie eine gute Umgebung? Ickin: Wie die Wohnung aussieht, ist mir nicht wichtig, das Umfeld muss stimmen. Hier ist alles sehr grün, wir haben multikulturelle Nachbarn. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist stark ausgeprägt; wir setzen uns beispielsweise dafür ein, dass ein neuer Spielplatz gebaut wird für unsere Kinder. t |
Annerkennung"Toleranz, sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen: Dulden heisst beleidigen."J. W. Goethe
|
VergangenheitDie Vergangenheit ist verschwunden, alles was gesagt wurde gehört dorthin, jetzt ist es Zeit von neuen Dingen zu sprechen. Mevlana Rumi |
Krieg und Frieden"Der Krieg ist gewonnen – aber nicht der Friede." Albert Einstein |